Digitale sexualisierte Gewalt: Fast jeder zweite Jugendliche in Deutschland betroffen
Matteo BöhmDigitale sexualisierte Gewalt: Fast jeder zweite Jugendliche in Deutschland betroffen
Digitale sexualisierte Gewalt betrifft fast die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland
Aktuelle Studien zufolge ist fast jeder zweite junge Mensch in Deutschland von digitaler sexualisierter Gewalt betroffen. Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) aus dem Jahr 2026 ergab, dass 64 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mindestens eine entsprechende Erfahrung gemacht haben – etwa durch Cybergrooming oder die unverlangte Verbreitung intimer Bilder. Trotz wachsender Aufmerksamkeit tun sich Lehrkräfte und Eltern oft schwer, das Problem wirksam anzugehen.
Die Expertin Yasmina Ramdani arbeitet direkt mit Schulen zusammen, um die Herausforderung zu bewältigen. In Workshops und Diskussionsrunden vermittelt sie Schülerinnen und Schülern Risiken und Präventionsstrategien – warnt jedoch, dass nachhaltiger Wandel breiteres Engagement von Familien, Bildungsinstitutionen und Tech-Unternehmen erfordert.
Ausmaß der digitalen sexualisierten Gewalt zeigt 2026-Studie des Bundesinstituts für Gesundheit
Eine Studie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit (BZgA) aus dem Jahr 2026 unterstreicht das Ausmaß des Problems: Fast jeder zweite junge Mensch war bereits mit einer Form digitaler Belästigung konfrontiert – von unerwünschten sexuellen Nachrichten bis zur nicht einvernehmlichen Verbreitung von Bildern. Zwar sind Daten vor 2020 rar, doch Suchtrends deuten darauf hin, dass das Problem weit verbreitet bleibt. Begünstigt wird es durch gestiegene Internetnutzung und lückenhafte rechtliche Rahmenbedingungen. Besonders bei Deepfakes und bildbasierter Gewalt klaffen gesetzliche Lücken, die Opfer oft schutzlos zurücklassen, wie der Deutsche Juristinnenbund (djb) kritisiert.
Viele Vorfälle ereignen sich im eigenen Umfeld, wenn Jugendliche explizite Inhalte teilen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Unwissenheit und mangelnde Aufklärung führen häufig zu Grenzüberschreitungen in Klassenchats oder Freundeskreisen. Auch Cybergrooming – die gezielte Manipulation von Kindern durch Täter im Netz – hat zugenommen und ermöglicht es Straftätern, Opfer in einem weit größeren Maßstab zu erreichen als im realen Leben.
Präventionsarbeit in Thüringer Schulen: "Sicherheit hängt von den Erwachsenen ab"
Die Expertin für digitale Gewaltprävention, Yasmina Ramdani, leitet seit drei Jahren Workshops an Schulen in Thüringen. Ihr Pilotprojekt erreichte rund 5.000 Schülerinnen und Schüler der fünften bis achten Klassen. Themen sind Mediennutzung, zentrale Begriffe wie Cybergrooming sowie praktische Schutzmaßnahmen. Ramdani betont: "Die Sicherheit von Kindern hängt davon ab, wie gut Erwachsene – Eltern, Lehrkräfte und Plattformen – sie auf digitale Risiken vorbereiten."
Eltern werden aufgefordert, verantwortungsbewusstes Verhalten vorzuleben, offen über Grenzen zu sprechen und die digitalen Rechte von Kindern zu respektieren. Tech-Konzerne hingegen stehen in der Kritik, von Systemen zu profitieren, die Missbrauch ermöglichen. Öffentliche Aufmerksamkeit erhielt das Thema, nachdem die Schauspielerin Collien Fernandes im Rahmen ihrer viel beachteten Scheidung über digitale Gewalt sprach – ein Beleg dafür, dass das Problem nicht auf Jugendliche beschränkt ist, sondern auch Erwachsene in Beziehungen betrifft.
Fazit: Rechtliche und bildungspolitische Lücken gefährden Jugendliche
Die Erkenntnisse von 2026 bestätigen, dass digitale sexualisierte Gewalt eine anhaltende Bedrohung bleibt. Präventionsmaßnahmen wie Ramdanis Workshops zeigen zwar Wirkung, sind aber auf breitere Unterstützung durch Familien und Politik angewiesen. Ohne strengere Gesetze, mehr Plattformverantwortung und flächendeckende Aufklärung werden die Risiken für Kinder und Jugendliche weiter bestehen.






