Radikale Freundlichkeit: Warum Österreichs Schimpfkultur auf die Probe gestellt wird
Nina LehmannRadikale Freundlichkeit: Warum Österreichs Schimpfkultur auf die Probe gestellt wird
Ein neuer Umgang mit alltäglichen Frustrationen wird vorgeschlagen. Die Autorin regt an, harte Selbstkritik durch Humor zu ersetzen und kleine Ärgernisse mit Freundlichkeit zu begegnen. Diese Idee stellt kulturelle Normen infrage – besonders in Österreich, wo Schimpfwörter tief im Alltag verankert sind.
In Österreich gilt Fluchen fast als Kraftquelle, gar als eine Art Yoga. Die Sprache spiegelt das wider: Es gibt über 50 Begriffe für „Idiot“, von „Dodel“ bis „Vollkoffer“. Die Autorin jedoch schlägt vor, eigene Fehler nicht mehr mit abwertenden Begriffen zu belegen, sondern scherzhaft als „kognitiven Minimalismus“ umzudeuten.
Ihr Ansatz geht noch weiter: Selbst kleine Belästigungen sollen mit Anerkennung bedacht werden. Gedränge in der Bäckerei oder jemand, der den letzten Parkplatz wegnimmt, würde Dank statt Ärger auslösen. Selbst langsame Autofahrer auf der Autobahn – in Österreich oft als „Energiesparer“ belächelt – sollten milder beurteilt werden.
Bei direkteren Störungen, wie lauten Telefonierern im Zug, empfiehlt die Autorin, stattdessen eine Hustenpastille anzubieten. Das passt zu ihrer Grundidee, Ärger mit Zuneigung zu begegnen. Der Buchtitel „Radikale Freundlichkeit“ wird sogar scherzhaft als in Österreich verbotswürdig bezeichnet – dort wäre ein solcher Ansatz fast revolutionär.
Die Autorin entwirft so ein neues Miteinander, in dem Freundlichkeit Ärger ersetzt. Gleichzeitig zeigt sie Österreichs reiche sprachliche Tradition im Ausdruck von Frust. Ob sich dieser Wandel durchsetzt, bleibt abzuwarten.






